Ermland-Blues – Auf dem alten Kirchweg
Letzte Aktualisierung am 22. Juni 2024 by Hans Blazejewski

Gehen wir über eine Zeitbrücke und folgen einem alten Kirchweg. Kommen Sie mit?
Folgen wir in der Jetztzeit dem alten Kirchweg von Neu Mertinsdorf nach Groß Bartelsdorf. Etwa die Hälfte der Zeit geht es durch einen Wald, wenn wir den Weg über Pirk nehmen, vorbei an den Ruinen des ehemaligen Gutshauses. Beeindruckend dieser Wald. Es riecht nach Harz. Still ist es dort. Der Wind zauselt die mächtigen Wipfel. Meditative Geräusche macht das. Versteckte Vögel singen, flöten und trillern. Romantiker kommen hier voll auf ihre Kosten, wie man so sagt. Seitwärts ein Sprung über den Graben und schauen, ob es schon Gelblinge gibt.
Kein Gedanke wie: Oh, dieser Wald, der hat aber nichts mit früher zu tun. Kein Gedanke daran, dass die Gegend vielleicht ganz anders ausgesehen haben wird zu der Zeit, in der der Roman spielt, zu der Zeit, als Catharina, die Protagonistin und die anderen Neu Mertinsdorfer den Kirchweg zu gehen hatten.
Und dann taucht eine topographische Karte auf, aus der Zeit von vor 1945 und man ist ganz erstaunt darüber, dass der Kirchweg damals „durch blühende Landschaften“ also durch Felder, Wiesen und kaum Wald führte. Und das sind ja nur siebenundsechzig Jahre unterschied. Wie mag das dann wohl um 1865, also vor hundertsiebenundvierzig Jahren ausgesehen haben?
Als Autor habe ich schon manchmal das Verlangen, mich in die Vergangenheit zu wünschen. Ich meine über eine fantasierte Zeitbrücke in eine vergangene Zeit, eine ganz persönliche Zeitreise zu meinen Ahnen, wie etwa meine „Ahnenbesuche am Jenseitslagerfeuer„.
Und dann? Dann wäre ich vielleicht Altsitzer. Bestimmt. In meinem Alter. Vielleicht müsste ich jeden Tag unruhig sein, weil die Jungen, die jetzt auf dem Hof zu sagen haben, sich „Altsitzerpulverchen“ besorgt haben könnten. Johannes Bobrowski hat das ziemlich realistisch in seiner Kurzgeschichte „Begebenheiten“ geschildert.
Die können einen Hof zugrunde richten, die Altenteiler.
Was machst du, wenn die noch zehn Jahre leben wollen?“
Aber ich leb ja noch. Und das Arsen, das Pulverchen gibts heute auch nicht mehr bei der nächsten Znachorka, der Kräuterhexe.
Auf dem alten Kirchweg von Neu Mertinsdorf nach Groß Bartelsdorf
Ein kleiner Einblick, der das Geschehen auf dem Kirchweg und anschließend in der groß Bartelsdorfer Kirche zum Thema hat.
Eine Leseprobe aus dem Heimatroman „Ermland-Blues“ – von Hurenkindern, einem katholischen Priester, einer Kräuterhexe und einer erträumten Heimat
(…)
Catharina entwickelte sich zu einem fröhlichen und lebhaften Kind, an dessen Dasein ganz Neu Mertinsdorf Anteil nahm.
Besonders gern ging sie nach Groß Bartelsdorf zum sonntäglichen Gottesdienst. In der warmen Jahreszeit barfuß. Sonst Klotzkorken tragend. Diese unförmigen Holzdinger. Diese Dinger, die mit Stroh ausgestopft wurden. Diese Dinger, die man auch im Winter wunderbar zu Schlittschuhen umfunktionieren konnte. Mussten nur Eisendrähte unter den Sohlen befestigt werden. Nur ein Paar Schuhe. Sonntagsschuhe. Wurden kurz vor dem Betreten der Kirche angezogen. Barfuß, die Schuhe in der Hand, ging Catharina jeden Sonntag so etwa sieben Kilometerchen von Neu Mertinsdorf nach Groß Bartesdorf.
(…)
Wenn Catharina auf der Höhe kurz hinter Gut Kirschbaum war, konnte sie, je nachdem, wie der Wind
stand, schon die Gänse aus Groß Bartelsdorf hören. Hörte auch die Hundchen, die vielleicht grad einen vorbeiziehenden poolschen Pungeljud verbellten. Hörte gewiss auch Kinderstimmen, denn der Wind trug weit. Bis nach Neu Mertinsdorf sollen sie manchmal gerufen haben, die Glocken vom Kirchturm Groß Bartelsdorf, bevor später einige davon aus kriegswichtigen Gründen eingeschmolzen werden mussten.
In Catharinas Kinderzeit kam es nicht selten vor, dass sie oder manche ihrer Spielgefährten beim Kirchgang in den Blaubeeren steckenblieben. Konnte passieren, dass sie das Läuten der Glocken als letzte Aufforderung, sich nun aber zu sputen, überhörten. Oder es war einfach zu spannend, zusammen mit den Bowkes die Eier aus den Vogelnestern zu stehlen.
Dabei erwischen lassen durften sie sich nicht. Nicht vom Waldwart. Erst recht nicht von der Gutsherrschaft.
Aber das wussten sie.
(…)
Der Pfarrer und die Kirchweg-Bummelanten
Hatten sich unsere kleinen Kirchgänger verspätet, so wurde heimlich die Kirchentür aufgemacht. Leider konnten unsere Bummelanten die Kirche zu gewöhnlichen Anlässen nur über den seitlichen Eingang und unter den missbilligenden Blicken der frommen Gemeinde betreten. Die Brauttüre, die dem Altar gegenüber lag, die wurde nur zu Hochzeiten geöffnet.
Zum Gottesdienst musste man auf jeden Fall. Hatten doch die Eltern ziemlich lebhaft in Erinnerung, wie es zu ihren Zeiten auf dem Kirchweg zuging. Sie fragten regelmäßig, was und worüber das Herrchen, der Herr Pfarrer, denn so gepredigt habe.

Den Bummelanten werden die Ohren lang gezogen
Haben sich unsere Herumtreiber verstohlen unter der Orgel, dort wo es etwas dunkler war, in ein Bankchen eingesessen. Hat nicht immer so geklappt. Das mit dem Reinschleichen. Aus den soeben genannten Gründen. Da stieg das Herrchen vom Altar herunter. Kann sein mitten im Gebet. Dann begrüßte er die Ankömmlinge auf seine Art. Da drehte er ihnen die Nasen krumm. Da zog er ihnen die Ohren rot. Da machte er ihnen lange Arme. Er zerrte sie nach vorn und schob sie unsanft in die erste Bank. Da half auch keine Ausrede nicht. Blaubeermünder legten zuweilen Zeugnis ab.
(…)
Andere Beiträge über den Ermland-Blues finden Sie hier:
Also Neu Mertinsdorf
Holzauktion in Groß Bartelsdorf
Ermland-Blues – Einblick in einen Roman
Maria ohne Kopf
Ermland-Blues – Das Exposé
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216 Seiten 11.90 €
ISBN 978-3-938830-14-7
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