Das Totenhemd

Leseprobe aus meinem Buch Zeitbrücke – Geschichten zwischen Damals und Heute

Wie verpackt man mich als Toten?

Ich weiß es nicht. Sicher nicht in eine durchsichtige Folie. Wer will mich denn so nehmen? Womöglich geschenkt. Also denk ich mir, man wird mich auf anständige Art entsorgen. So mit Hemd an. Und Sarg aus Eiche. Meinetwegen aus Pappe. So trägt es sich leichter, mein Erdmöbel, brennt auch schneller. Wenn ich brennen soll.

Ob sie mir das geerbte Totenhemd anziehen? Das Gute. Noch vom Omchen selig. Hatte sie schon als Mädchen in der Aussteuer. Für ihren Zukünftigen.

Reden wir über das letzte Hemd. So aus reinem Leinen. Alles selbstgemacht. Den Flachs auf dem Feld mit der Hand gerauft und gebunden. Jetzt ab in den Teich. Bretter drauf. Dicke Steine dazu. Verrotten lassen. Später in den Backofen geschoben. Aber vorher das Brot herausgenommen.

Ich schreib das hier. Man kennt das ja nicht mehr. Totenhemden jeder Art gibt es heute überall zu kaufen. Nach dem Rösten das Flachsbrechen. Das Hecheln. Das Kämmen. In der dunklen Zeit, wenn die letzten Gänse zogen und mit lauten Stimmen ihren Abschiedsgruß sangen, gesponnen bis zum Wadenkrampf und dicken Daumen. In großer Runde. Ein Hof um den anderen. Reihum. Spinnabende. Kerzenlichter. Petroleumlampen. Die unwiderstehlich männliche Jugend im Hintergrund. An solchen Abenden kommt auf unverdächtige Art die Jungen ins Gespräch. Worte fliegen durch den Raum, aber alles im gutkatholischen Rahmen. Dass das so bleibt, dafür sorgen schon die Alten. Sagen und Märchen. Dorfereignisse auf spitzen Zungen.

Der Wäscheklau geht um

Dann, wenn alles gesagt ist, gehts zurück zum eigenen Hof oder zur eigenen Kate.
Später noch einmal das Spinnrad von der Lucht zur Hand genommen, um das Garn zu zwirnen.
Dann auf dem Klapperwebstuhl gewebt und fertig. Na fast. Jetzt ab damit auf die Bleiche. Bei Mondschein. Immer mit der Gießkanne drüber. Aber aufpassen. Die Enten scheißen, wo sie wollen. Oder der Wäscheklau. Leute, holt die Wäsche rein, die Zigeuner kommen. Solche bösen Sprüche. Nun noch zuschneiden und nähen. Alles mit der Hand. Nähmaschine gab es keine nich. Nicht mal auf dem adeligen Gutshof im Nachbardorf.

Schönes Hemd. So mit halblangen Ärmeln. Vorn zum Binden, hinten zum Knöpfen. Beim Karrenjud gekauft, die Knöpfe. Sechs Stück. Vorn auf der linken Hemdseite, etwas mehr mittig, ein kleiner Engel in Herzblutfarben. Aufgestickt. Aber anprobieren, das nicht. Durfte nicht sein. Wird Unglück geben, wenn einer zu Lebzeiten.

Später, der Ohm, ihr Mann, der ja. Aber wo wird es nich, hat er gerufen und gelacht, als das Omchen die Küchentür aufmachte, den Ohm am warmen Kachelofen stehen sah. Hat das Mensch sein Sterbehemd an. Unten die Mannbeine. Steht das Mensch da in seinen Klotzkorken, Hemd hinten offen. War ja keiner nich, der es ihm hat zugeknöpft.

Seine Rosa ließ vor Schreck den Milcheimer fallen. Hat nur immerzu geschrien, dass es Unglück gibt, wenn einer sein Totenhemd anzieht, bevor er gestorben. Hat sich die Haare gerauft, das Omchen, dass ihr Dutt seine Fassung verlor. Hat so gejammert, dass die Nachbarsche die Ohren aufstellte und vor sich hinbrabbelte: »Ei, nu wird se jepriejelt. War schon lang fällig.«
Da müssen wir jetzt sagen: Wurde sie nicht. War nicht fällig. Die beiden Altchen lebten friedlich und gottesfürchtig miteinander, nebeneinander, so gut wie nie gegeneinander. Aber so nicht.

Abergläubisch war der nicht, der Ohm. Höchstens, dass er mal toi, toi, toi gerufen und dreimal auf den Tisch klopfte. Mehr so ein Brauch. Machten ja alle. Sogar der Bischof. Kirchweihe. Kommt vierspännig vorgefahren. Steigt aus. Reibt sich die Hände. Spuckt heimlich dreimal hinter sich auf die Erde und ruft: Nu, da wollen wir zur Tat schreiten.

Er hat sie totgemacht – Er hat sie totgemacht

Das Hemd. Seine Rosa rein dammlich. Wollte sich nicht beruhigen. Hörte erst auf, nachdem der Ohm mit seinem Jagdgewehr durchs offene Fenster geschossen und so dem Gekeife ein Ende bereitete, worauf das Omchen vor Schreck in Ohnmacht viel.

Nun aber schrie die Nachbarsche. »Er hat sie totgemacht. Er hat sie totgemacht«, rief sie mit sich überschlagender Stimme im Davonrennen. Und als die ersten Dorfbewohner angerannt kamen, zeigte sie mit zittrigen Fingern auf den Hof und brabbelte immerzu »Teraz go mają, teraz go mają!« Jetzt ist er dran, jetzt ist er dran. Oder auch, jetzt haben sie ihn, jetzt haben sie ihn.

Als geraume Zeit später das halbe Dorf vor dem Hof stand und der Gendarm im Namen des Kaisers Einlass begehrte, da saßen Ohm und Omchen friedlich am Küchentisch. Das Totenhemd ordentlich zusammengelegt auf der Ofenbank. Das Jagdgewehr an seinem Platz im verschlossenen Schrank. Beide beteuerten, dass sie keinen Schuss nicht gehört und wenn wer geschrien hätte, dann sei das doch sicher von der plustrigen Alten gekommen, von der man ja wisse, dass die dtwasch im Kopf sei und überall rumschwadroniere.

Es gab Pellschucken mit Spirkel

Jetzt haben wir nur noch zu erzählen, was nach dem Schuss passierte.
Also, der Ohm sah die Nachbarsche rennen und hörte, was sie schrie. Flink setzte er seine Rosa auf einen Stuhl. Schob diesen so weit an den Küchentisch, dass das Omchen weder zurück noch seitlich umfallen konnte. Nur nach vorn. Aber da hielt er ihr das Riechsalz unter die Nase. Schnell war sie wieder zurück. Er schüttete in Windeseile die Schucken auf den Tisch. Stellte die Pfanne mit Spirkel dazu. In letzter Sekunde schärfte er ihr ein, nur ja den Mund zu halten und ihn nur machen zu lassen. Und: Wir reden später darüber.
Nachdem die Dorfleute kehrt gemacht und Ruhe eingekehrt, gelobte der Ohm eine Wallfahrt, nach Święta Lipka, nach Heilige Linde. Und als Zugabe eine Messe für die unbekannten Toten. Hat noch genuschelt, der Ohm: »Wenn ich mal tot bin.« Und: »Das Hemd zieh ich nicht an.« Und: »Das kratzt.«

Wo er recht hat, da hat er recht. Wie soll einer sich kratzen, wenn es ihm wo juckt? Ich meine, so als Gestorbener. So kam es auch. Sein letztes Hemd, das war aus feinster ägyptischer Mako-Baumwolle. Reißfest und mit Einlaufgarantie.
Jetzt habe ich das Totenhemd mit dem aufgestickten Engel. Aber mich juckt das jetzt noch nicht.

 

Meine Werbung
Wenn Sie mehr über mich, Hans Blazejewski, den Autor, lesen möchten, dann schauen Sie doch in mein neues Buch, Titel: Zeitbrücke – Geschichten zwischen Damals und Heute.
Ich habe es geschrieben. Gute Erzählungen und Geschichten. Sehr zu empfehlen, z.B. zum Verschenken, aber nicht nur.

Zeitbrücke – Geschichten zwischen Damals und Heute
ISBN: 9783758373909
Paperback
230 Seiten
Verlag: Books on Demand
Hier können Sie das Buch bestellen

Zeitbrücke

Blazejewski, Hans
18.00 Buch
Jetzt probelesen

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert


Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.