Kreuzritter – Killer Der Prussen – Der Vergessene Völkermord

Letzte Aktualisierung am 23. Januar 2026 by Hans Blazejewski


Ein Völkermord oder Genozid ist ein seit 1946 kodifizierter Straftatbestand in Polen und 1948 durch die Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes ins Völkerstrafrecht eingegangen. Der Tatbestand ist gekennzeichnet durch die Absicht, auf direkte oder indirekte Weise „eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören“; er unterliegt nicht der Verjährung.
Quelle: Wikipaedia


Reflexion zu einem vergessenen Völkermord

Lesen Sie meine Gedanken über einen vergessenen Völkermord. Über die Unterdrückung, und die kulturelle Auslöschung der Prussen.
Ich bin kein Historiker, kein Wissenschaftler, der seine Schrift anhand von Quellen und historischen Fakten erstellt. Ich will parteiisch sein, auch weil die auf uns gekommenen historischen Quellen in der Mehrzahl aus der Sicht der Eroberer geschrieben wurden. Darum ist mein Text eine einseitige Anklage gegen die Grausamkeit der religiös motivierten Eroberung durch die Kreuzritter. Darum ist mein Text eine einseitige Anklage gegen die kulturelle Auslöschung der Prussen am Beispiel einer Kreuzigung.

Warum schreib ich das?
Erstens dient die Erinnerung an vergangene Verbrechen dazu, das Bewusstsein für die Konsequenzen von Hass, Rassismus und Intoleranz wachzuhalten. Indem wir uns an die Auslöschung von Völkern wie den Juden im Holocaust erinnern, oder anderen Minderheiten wie etwa den Sinti und Roma, können wir verhindern, dass sich ähnliche Tragödien wiederholen. Das Bewahren dieser Erinnerung ist eine Verpflichtung gegenüber den Opfern und eine Mahnung an die Gesellschaft, wachsam zu bleiben.

Zweitens ist die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit essentiell für die Identitätsbildung sowohl einzelner Menschen als auch ganzer Gemeinschaften. Das Wissen um die eigene Geschichte, inklusive der dunklen Kapitel, stärkt das Bewusstsein für kulturelle Vielfalt und fördert den Respekt gegenüber anderen. Es hilft, Stereotypen und Vorurteile abzubauen und eine inklusive Gesellschaft zu fördern.

Drittens trägt die Erinnerungskultur dazu bei, Gedenken lebendig zu halten und die moralische Verantwortung gegen das Vergessen zu betonen. Den Opfern zu gedenken, schafft einen Raum für Trauer, Reflexion und Lernen. Es ist ein Zeichen des Respekts und der Anerkennung ihrer Leiden.

Abschließend hierzu lässt sich sagen, dass die Thematik der Auslöschung eines Volkes heute noch relevant ist, weil sie uns mahnt, wachsam zu sein, die Vielfalt der Kulturen zu schützen und die Erinnerung an die Opfer lebendig zu halten. Sie ist ein Fundament für eine gerechte, reflektierte Gesellschaft, die aus der Vergangenheit lernt und zukünftiges menschliches Zusammenleben gestaltet.
Ich beschreibe hier einen idealisierten Zustand. Ich weiß, aber wären wir nicht arm, könnten wir nicht wünschenswertem Verhalten das Wort reden und an das Gute in uns glauben?

Völkermord – nicht nur in der Vergangenheit

Wenn ich denn eine Parallele zwischen Damals und der Jetztzeit ziehe, dann denke ich zuerst an Putin, der mit Gewalt und Grausamkeit das nimmt, was ihm nicht gehört. Der Angriffskrieg gegen die Ukraine macht deutlich, wie wichtig das Thema der Auslöschung eines Volkes auch heute noch ist. Historisch gesehen sind Völkermorde und Versuche der Auslöschung von Gruppen immer wieder aufs Neue ein Ausdruck extremer Machtpolitik, Beispiel Völkermord an den Armeniern hinterlassen tiefe Wunden in den Gesellschaften, die betroffen sind, und hinterfragen die Prinzipien von Menschlichkeit, Recht und Gerechtigkeit.

Der Krieg in der Ukraine zeigt, dass die Gefahr der Auslöschung eines Volkes nicht nur in der Vergangenheit liegt, sondern in aktuellen Konflikten wieder präsent ist. Die russische Aggression zielt auf die Vernichtung ukrainischer Identität, Kultur und Selbstbestimmung ab. Es macht deutlich, dass das Thema der Auslöschung eines Volkes auch heute eine dringende moralische und politische Herausforderung darstellt. Es ist essenziell, die Erinnerung an vergangene Verbrechen wachzuhalten, um wachsam zu bleiben und für den Schutz von Minderheiten und Kulturen einzutreten.

In dieser unvollständigen Aufzählung darf auch Tramp, der Amipräsident nicht fehlen. Ein Parvenue, (eine Lachnummer, wenn er nicht so mächtig wäre) der da herumfaselt, dass sein großartiges Land Grönland, Canada oder Panama braucht, wenn es sein muss, dann würde er auch Gewalt anwenden.
Warum will er nicht Russland? Es war schon immer so: Die Großmäuler gehen los auf die Kleinen und Schwachen, die, die sich nicht wehren können oder wollen. Das fängt vielleicht an mit „mach mir die Hausaufgaben, sonst …“ oder: „gib mir Dein Pausenbrot oder fünf Euro, sonst …“ und wo das dann hinführen kann, das lernen wir soeben von unserem Nachbarn, den nur ein Ozean von uns trennt; oder ein Knopfdruck.

Im Schnelldurchgang einige Fakten zur Einführung

Der Deutsche Orden, ein katholischer Ritterorden, wurde im 12. Jahrhundert gegründet und begann ab 1230 mit der Eroberung der Prussen, eines baltischen Volks, das damals in der Region lebte. Ziel war die Christianisierung der heidnischen Prussen sowie die Bündelung der Gebiete unter der Kontrolle des Ordens. Die Mission wurde militärisch durchgesetzt, was oft mit brutalen Kreuzzügen verbunden war.

Nach der Eroberung gründete der Orden Marienburg (heute Malbork in Polen). Es entstand ein komplexes Verwaltungs- und Verteidigungssystem, das die Region kontrollierte. Der Orden baute Burgen, Festungen und Siedlungen, um die Gebiete zu sichern. Er förderte die Ansiedlung deutscher Siedler, was zu einer bedeutenden germanischen Prägung der Region führte. Neue Handelspfade, Städte und landwirtschaftliche Praktiken wurden eingeführt. Zudem wurden Kirchen und Klöster gebaut, die das religiöse und kulturelle Leben prägten.

Prussen-Krieger - Stich von 1584

Die Prussen leisteten erheblichen Widerstand gegen die Eroberung und Christianisierung. Es kam immer wieder zu Aufständen und kriegerischen Auseinandersetzungen, die vom Orden blutig niedergeschlagen wurden.
Der Deutsche Orden hat die Prussenregion maßgeblich geprägt, indem er sie eroberte, christianisierte, verwaltete und auf seine Art in das mittelalterliche Europa integrierte. Seine Herrschaft hinterließ sowohl kulturelle als auch architektonische Spuren und war entscheidend für die Entwicklung der Region im Mittelalter.


Besuch bei den Vergessenen auf dem Berg

Ein Mensch sitzt am Strom, auf einem Baumstamm. Er hatte gedacht, mit der Kleinbahn von Willkischken nach Tilsit zu fahren. Dann hatte er es sich aber anders überlegt und sich für die Fähre entschieden. Sie wird ihn über die Memel von Bittehnen auf die andere Seite bringen. Er muss nur winken und man wird ihn holen und im Ragnitschen an Land lassen.
Stören wir ihn nicht. Er ist ein Schriftsteller. Gestern Abend ist er hinaufgegangen und hat die ganze lange Nacht dort oben verbracht. Hat mit den Vergessenen am Lagerfeuer gehockt und von vergangenen Zeiten gehört. Jetzt tagträumt er davon, und wir mit ihm, von unserem Besuch auf dem heiligen Berg der Prussen, dem Rombinus, der direkt über einen Steilhang mit der Memel verbunden ist.

Rombinus und der Memelbogen

Der Strom schlägt hier einen Bogen, bevor er es sich anders überlegt und noch einmal die Richtung ändert. Dann fließt er an den Lankaswiesen vorbei. Er lässt Tilsit, das nicht mehr so heißen darf, links liegen, um sich ein Endchen später in das „Kurische Haff“ zu verströmen.

Blick vom Rombinus auf Ragnit und die ehemalige Burg des Deutschen Ordens, ein Zeitzeuge der Auslöschung eines Volkes
Foto: Hans Blazejewski – 2011 – Blick vom Rombinus auf Ragnit

Wir standen neben dem Besucher, dort oben auf dem sagenumwobenen Götterberg der Prussen. Von dort konnten wir auf der gegenüberliegenden Seite die Reste der ehemaligen Kreuzritterburg Ragnit sehen. Jetzt eine Ruine, aber noch immer ein imposantes Gebilde, aus roten Ziegeln gefügt.

Panorama von Tilsit jetzt Sowetsk
Foto: Hans Blazejewski – 2011 Blick vom Rombinus über die Lankaswiesen auf das ehemalige Tilsit

Geht der Blick nach rechts, so sieht man die Lankaswiesen, gleich dahinter das ehemalige Tilsit, mit der Deutschen Kirche im Vordergrund, dem Wahrzeichen der Stadt.

Die Deutsche Kirche in Tilsit

Wir müssen uns diese Kirche hinzudenken, denn sie wurde 1965 von den neuzeitlichen Eroberern abgerissen. Diese Kirche hatte einen Turm, der auf acht Kugeln stand. Napoleon war davon so beeindruckt, dass er die Kirche samt Turm und Kugeln mitnehmen wollte, ließ sie dann aber stehen, so geht die Legende. Ist es so gewesen? Wer weiß das schon heute noch.

Ein Stückchen weiter die rauchenden Schornsteine der Zellulosefabrik. Am „Strom“ gelegen, wie die Tilsiter die Memel nannten, wenn sie unter sich waren. Nicht zu vergessen die Brücke „Übern Strom“, einst ein dreibögiges Gebilde, welches Luisenbrücke genannt wurde, heute aber als ein schnörkelloser Zweckbau daherkommt. Würden wir dem Strom weiter folgen, so könnten wir sehen, dass er am Ende seines mehr als 900 Kilometer langen Laufes ein Delta bildet, um sich dort, wie wir schon erwähnten, in das Kurische Haff zu ergießen.


Völkermord – gottgewollter Landraub

Wir haben uns eine Tarnkappe aus Rainfarn aufgesetzt und folgen unsichtbar dem Mann vom Berg, der soeben über eine Zeitbrücke in eine ferne Vergangenheit wandert. In eine Vergangenheit, in der der Deutsche Orden mit seinen Kreuzrittern die Prussen überfällt und deren Land in Besitz nimmt
Warum? Zum einen, um die vermeintlich gottgewollte religiöse Ordnung zu verwirklichen, zum anderen, um seine wirtschaftlichen und politischen Ziele zu verfolgen, insbesondere die Ausweitung seines Einflussbereiches im Baltikum. Die Prussen wurden im Zuge dieser Eroberungen weitgehend unterdrückt, assimiliert oder umgebracht.

Die Überfälle der Kreuzritter auf die Prussen führten zur Eroberung und zur Gründung eines eigenen Staates, was erhebliche Veränderungen in der Region zur Folge hatte, mit Auswirkungen, die bis in unsere Neuzeit hineinwirken, Stichworte: Memelland/Ostpreußen/Kaliningrad/Litauen.

Ein amoralisches Verdikt – freie Hand zum Völkermord

Wir befinden uns jetzt im Land der Prussen, etwa anno 1230. Noch existiert die von den Einheimischen auf dem Schlossberg erbaute Burg Ragnita. Wir wissen aber, von Chr. Hartknochs Altes und Neues Preussen, dass diese von den Rittern des Deutschen Ordens erobert wurde. Einige Jahre später haben die Eroberer an gleicher Stelle eine Ordensburg errichtet, die Ragnit genannt wurde, deren Reste wir heutigen Touristen bestaunen, ohne einen Gedanken an die Prussen zu verschwenden.
Etwa 200 Jahre vorher soll Papst Gregor VII. (gestorben 1085 in Salerno) gesagt haben: Verflucht sei der Mensch, der sein Schwert zurückhält vom Blute. Wie wir wissen, so haben die Deutschordensritter diesen Ausspruch unbarmherzig in die Tat umgesetzt.


Ein Aufstand gegen die Auslöschung eines Volkes

Unter den Prussen, die von den Rittern nicht umgebracht wurden, befand sich auch ein Jüngling namens Herkus Monte – Erkus Mants, laut den Annalen. Ein angeblich natangischer Fürstensohn, der, neben anderen Kindern einflussreicher Prussenfamilien, als Kind zur Umerziehung nach Magdeburg verschleppt wurde. Dort soll er u. a. auch die Kriegskunst der damaligen Zeit studiert haben. In Magdeburg wurde er zum Ritter geschlagen. Zurückgekehrt In seine Heimat, sagt Herkus Monte sich los vom Deutschen Orden. 1260 führte er den Aufstand der Prussen gegen die Besatzer an. Nach Anfangserfolgen von der Übermacht geschlagen, geflüchtet, vom Komtur von Christburg 1273 gefangen genommen.

Illustration der Ermordung Herkus Montes - die Auslöschung eines Volkes
Bild-Quelle: Het ‘verdwenen’ volk dat Pruisen zijn naam gaf

Peter von Dusburg berichtet in seiner Chronicon terrae Prussiae:
bis er im Jahre 1273 durch den Komtur von Christburg, Bruder Heinrich Von Schönburg, und seine Mitbrüder, den Tod fand: „bei Heinrichs Anblick freuten sie sich sehr, fingen ihn, hängten ihn an einen Baum und durchbohrten ihn mit dem Schwert.“

🙂

Pervertierte Nächstenliebe

Bleicher Künder des Verderbens
berichte uns vom Sterben deines Volkes
von seinem Leid und Untergang
dem nie beklagten.

Du, Potrimpos, Jüngling mit dem Ährenkranz, sing mir Lieder von der Zeit, da Ur und Bär durch deine Wälder streiften, als seine Bewohner, die wir Prussen nennen, über Äcker und Wiesen herrschten, sie Nahrung von dir nahmen. Wie sie lachten, liebten, weinten. Wie sie glücklich lebten, sich schlugen und stritten, sich wechselseitig Böses taten, sich vertrugen oder auch nicht. Sie waren Menschen wie wir, nicht wahr?

Aber du, grünbärtiger Patollos, bleicher Künder des Verderbens, berichte uns vom Sterben deines Volkes, von seinem Leiden, von seinem Untergang. Sag, was ist geblieben? Da ist kein Nachhall in unseren Herzen. Da ist kein Ruhmestempel errichtet. Da ist kein Stein, der Kunde gibt von seinem Dasein. Hörst auch du die Schreie der sterbenden Kinder? Das Klagen der Frauen und Greise? Siehst du die blutgeröteten Ströme, ihre brennenden Dörfer? Sieh, wie die Eroberer ihre Ernten verbrennen. Vernimmst auch du das Kriegsgeschrei, das Waffengeklirr? Hörst du die Rufe, das Weinen deiner Kinder, die die Mordbrenner an die Bäume nagelten?
Patollos, er antwortet nicht. Er sitzt auf dem Rombinus, schaut über die Ebene und weint, weil selbst ein Gott das nicht ertragen kann.

Ich sehe in Erz erstarrte Männer auf Streitrössern, umgeben von waffentragendem Fußvolk über die Ebene kommen. In feierlicher Prozession und unter Betgesängen tragen Mönche das Kreuz der Nächstenliebe zum nahen Ufer. Sie richten es auf, umtürmen es mit Holzscheiten.

Der Krieve, der Krieve! Sie schlagen ihn ans Holz.

Gespenstische Gesichter umringen im Fackelschein den Ort der christlichen Untat, umrunden Kapuzenträger den Schandpfahl der Menschlichkeit. Ein schriller Schrei erhebt sich gebieterisch über die kriegerische Menge, sofortige Ruhe erheischend. Aus deren Mitte trabt ein Ritter zum Kreuz. Der redet mit befehlsgewohnter Stimme: »Brennt ihm die Füße.« Zwei Mönche zu beiden Seiten des Gekreuzigten senken ihre Fackeln. Sie halten das Feuer unter die Fußsohlen ihres Opfers.

Perkunos! Steig herab, lass fahren deinen Zorn in sie.
Donnerer! Schlag ihnen dein Grollen in ihre erzenen Leiber.
Mächtiger! Lass deine Blitze sie zu Asche werden.

Erneuter Gesang. Der wird lauter und lauter. Fackelträger umringen in dichten Reihen das Kreuz mit dem pruzzischen Leidensmann. Es reißt der Ritter den rechten Arm in die Höhe. Ein blankes Schwert in der panzerbewehrten Faust. In der anderen trägt er ein Schild mit einem schwarzen Kreuz auf weißem Grund. Der wendet sich dem Gekreuzigten zu und spricht mit leiser Stimme: »Noch vermögen wir dich zu retten. Schwör ab. Ruf es laut, damit deine Leute es verstehen können.«
Der Krieve hebt langsam sein von Hieben geschundenes Haupt. Er schaut den Ritter an, bevor er ihm ins Gesicht speit. In die entstandene Stille hinein befiehlt der Schwertträger mit kalter Stimme: »Verbrennt den Heiden!«

Ein Greis tritt hinzu, auf dem Haupte eine hohe Mütze. Mühsam hält der sich an seinem Krummstab aufrecht. Ein Kuttenträger reicht ihm eine Fackel. Er wendet sich den versammelten Menschen auf der anderen Seite des Flusses zu, zeigt ihnen, wie zum höhnischen Gruß, seine Brandfackel, bevor er sie in den Scheiterhaufen wirft.

Jetzt geht er einige Schritte zurück. Jetzt erhebt er seine Hände gen Himmel. Jetzt ruft er mit verzücktem Greisengesicht: »Ave Maria, gratia plena …«
Den Rest dieser Anrufung wollen wir uns hier ersparen. Aber fragen dürfen wir schon, ob der Greis es ernst gemeint hat mit dem »ora pro nobis peccatoribus«.


Hochauf lodert das Feuer. Der Krieve schaut unverwandt zum jenseitigen Ufer. Dort, auf der Anhöhe, steht eine unübersehbare Schar der Landesbewohner. Die schauen mit Entsetzen auf den Ort der Hinrichtung. Mit harten Griffen drehen Mütter die Köpfe ihrer Kinder so, dass ihnen der grauenerregende Anblick nicht erspart bleibt.
Dichter Rauch verbirgt den geschundenen Körper des Gekreuzigten, steigt empor, verharrt einen Augenblick über der Versammlung, fällt herab auf die reglos verharrenden Waffenbrüder. Keiner mehr erkennt den anderen. Voller Entsetzen greifen die christlichen Mordbrenner zu ihren Waffen.
Jetzt hören wir Gesang in einer fremden Sprache, in den die am jenseitigen Ufer Stehenden einfallen. Die Stimme des Krieve wird schwächer und schwächer. Dann ist sie verstummt.

Aus der entstandenen Stille heraus erhebt sich ein furchterregender Sturm. Aus tiefhängenden dunklen Wolken fahren unzählige grelle Blitze zur Erde. Das Aufzischen der Einschläge vermischt sich mit nie gehörter Donnergewalt. Das Erdreich bebt, zittert. Der Strom brodelt. Es scheint, als ob seine Wasser über die Ufer treten wollen, um die Mörder zu verschlingen. Ein Aufschrei aus vielfacher Kehle verfolgt die mit Angst und Entsetzen erfüllte Kriegerschar. In zügelloser Unordnung verlassen die Mörder der christlichen Nächstenliebe den Ort ihrer Untat, Zuflucht suchend hinter der nahen Anhöhe.


Wer seinen Blick zurückwendet, der sieht auf dem heiligen Berg am jenseitigen Ufer, vor den Reihen der Landesbewohner, einen blonden Knaben in weißem Gewand. Der hält eine Stange in die Höhe, auf deren Spitze sich der Kopf eines frisch geschlachteten Ziegenbocks befindet. Sein BIick ist starr auf das Kreuz gerichtet.
In seiner wie zum Stoße erhobenen rechten Hand sehe ich ein bluttriefendes Messer.

Autors Nachwort

Sagt, habe ich das nur geträumt?
Kaum mehr als dreihundert Jahre Christentum reichten, um ein ganzes Volk auszurotten oder per Dominanzkultur zu assimilieren. Da kann der Königsberger noch so oft vom „gestirnten Himmel über mir und dem moralischen Gesetz in mir“ Vorträge halten, Gut und Böse definieren die jeweiligen Mächtigen von Staat und Kirche grad, wie es ihnen opportun erscheint.
In meiner Erzählung ist Herkus Monte der Antipode zum Deutschorden. Der Ziegenkopf, das bluttriefende Messer, Hinweise auf kommende Ereignisse. Ereignisse, die Historiker als „Prussenaufstände“ beschrieben. Ich würde sie „Befreiungskämpfe“ nennen.
Das Christentum, vertreten durch den Orden, ist das Böse. In einem Augenblick predigen sie Nächstenliebe, im nächsten, singen sie ora pro nobis, während sie einen Gegner ans Kreuz schlagen.


🙂

Beschreiten sie meine lyrische Zeitbrücke im weitesten Sinne zum Thema und zur Gegend um den Götterberg der Prussen

Jurgis, der Hirt spielt für die Vergessenen auf dem Rombinus
BEVOR DER TAG ERWACHT
Jurgis, der Hirt, ist gekommen.
Er sagt:
Früher verstand meine Flöte
keine traurigen Weisen.
Dann schickt er Tonperlen,
vergänglich wie ein Atemhauch
weit über das Land.


Von ihren Nachtlagern
erheben sich die Alten,
treten vor die Türen und reden –
so war das einst.

Anna Regine
nimmt Jurgis an die Hand.
Komm, sagt sie – komm,
wir wollen den Holunder binden.

Wissend, die Alten lachen.
Bleibt nicht so lange, ruft einer,
die Feuer wollen ausgesungen sein,
bevor der Tag erwacht.

Wenn die Lieder vergangener Zeiten sich erheben,
des gestorbenen Volkes Schrei durch die Ebene geht,
nehmen die Männer die Mützen ab,
legen Opfergaben vor ihre Türschwellen
und schlagen das Kreuz.

Der Urahne, weit ausholend,
zeigt über den Strom.
So die Götter wollen – ruft er
und bricht einen Holunderzweig.
Dann, an den Giebel nagelt er den Hahn,
der nicht mehr singen wird,
wenn die Wälder herabkommen.


Foto: Hans Blazejewski – 2011
ROMBINUS
Jahr hin,
der Strom kommt vorbei,
ein alter Bekannter.

Sand, Kalmus, Erlen, Grün.
Über dem heiligen Berg
der Greif malt Zeichen ins Blau
und aus den Wiesen der Wind
fährt hoch den steilen Hang.

Weit nach der blauen Stunde,
der Biber lärmt im Erlenbruch
und die Magd schreit vom nahen Hof:
Mond, mach endlich das Licht aus,
ich kann so nicht schlafen.

Fluchtvogel,
wispern die Vergessenen,
ewiges Zugvögelchen du.
Es geht eine Rede unter deine Haut:
Wer hier steht,
den greift der Anblick ans Herz,
der möchte vergehen
vor lauter Verlangen.

Mein Lesetipp:
Tilsit, Reminiszens an meine Vaterstadt
Beate Szillis-Kappelhoff: Prußen – die ersten Preußen: Geschichte und Kultur eines untergegangenen Volkes

 

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