Der Hoffnungsbaum
Ich erzähle hier von den Nachwirkungen einer Liebe, die durch Verrat zerstört wurde, aber nie ganz erlosch. Die Frau, auf die mein Protagonist wartet, ist mehr als eine reale Person – sie ist das Ideal seiner Sehnsucht. Ob sie zu ihm zurückkehrt? Er glaubt es. Er hofft es und das seit mehr als sechzig Jahren.
Ein Hoffnungsbaum der Liebe
und der unerfüllten Sehnsüchte
Er lebt am Strom, mit Blick über die weite Ebene, bis dorthin, wo ferne Wolken das Land berühren. Er wartet, denn die Hoffnung stirbt zuletzt. Da sitzt er auf seiner Bank, schaut über die Wiesen, und wenn die Sonne hochsteht, beschattet er seine Augen mit einem alten Strohhut.
„Bleib stehen, wenn du ihn siehst, und warte. Du wirst ihn hören; er wird mit denen auf dem Berg reden – von vergangenen Zeiten, dem Liebestod, von Hoffen und ungestilltem Verlangen.“
Er wird sagen: „Gleich nach dem Betrug an unserer Liebe pflanzte ich einen Hoffnungsbaum am Strom hinter meinem Haus, verborgen vor dem Geschwätz der kleinen Leute. Von dort aus kann ich meine Stadt sehen, die unerreichbare, die nun einen fremden Namen trägt.“
Er wird sagen: „Ich weiß, Godot kam nicht. Aber sie, sie wird kommen. Ich werde ihr entgegensehen, wenn sie über die Brücke geht; über die Uferwiesen läuft, barfüßig, mit wehendem Blondhaar, Kornblumen im Arm und einem Grashalm im Mund – und mit dem mir so vertrauten Lächeln. Wann sie kommen wird, das bleibt ungewiss, aber kommen wird sie, so hat sie es mir auf den Rücken geschrieben – damals, bevor die Liebe starb.“
Er wird sagen: „Glaubt nur nicht, ich würde ihr entgegenlaufen. Aber wenn sie endlich vor mir steht, werde ich sagen: Da bist du ja. Komm, setz dich zu mir und ruh dich aus; man wird dir ein Glas Wasser bringen. – Du warst lange fort.“
Sie wird sagen: „Ich weiß, mehr als 60 Jahre.“
Dann werde ich weinen und so tun, als wäre nichts von Bedeutung vorgefallen.
Sie wird sagen: „Du bist alt geworden.“
Und ich werde antworten: „Wie schön du bist. Du hast dich kein bisschen verändert.“
Wir werden verlegen lachen oder schweigend über den Strom blicken und uns wie zwei Menschen benehmen, die sich fremd geworden sind und es nicht fassen können.
Er hat am Strom gelebt, mit Blick über die weite Ebene, bis dorthin, wo ferne Wolken das Land berührten. Er hat gewartet – mehr als sechzig Jahre, denn die Hoffnung stirbt zuletzt. Da saß er unter seinem Baum, schaute über die Wiesen, und wenn die Sonne hochstand, beschattete er seine Augen mit einem alten Strohhut.
„Bleib nicht stehen, wenn du an seinem Baum vorbeigehst. Er lebt nicht mehr hier; du wirst niemals mehr in seine traurigmüden Augen schauen. Auch die auf dem Berg vermissen ihn und sein Gerede von vergangenen Zeiten – vom Liebestod und Hoffen, von ungestilltem Verlangen.“
Begraben auf dem Friedhof seiner Hoffnungen. Irgendwann wird ein Ausgräber kommen, ihn finden und die Urne unter seinen Baum legen. Dort kannst du ihn in stillen Vollmondnächten hören, wie er seinem Violoncello Melodien entlockt, die dein Herz berühren und dich zum Weinen bringen. Selbst den Vergessenen auf dem Berg kommen die Tränen.
Am Ende seiner Klagelieder flüstert er: „Solange ich atmete, hoffte ich.“ Manchmal spielt er noch das Ständchen von den Liedern, die leise flehen. Dann sitzt Stiefel, der schwarzbraune Kater unter dem Baum, schaut über den Strom, kläglich maunzend.
🙂
Mein erster Erster Preis.
Es besteht also noch Hoffnung für mich. Hoffen sie mit mir, das würde mir gefallen 😉
Diese Kurzgeschichte erschien im Rahmen eines Literaturwettbewerbs in einer Anthologie zum Thema Hoffnung. Mein „Hoffnungsbaum“ wurde damals mit dem ersten Preis ausgezeichnet – ein Zeichen dafür, wie stark das Thema „Hoffnung“ bei vielen Leserinnen und Lesern „ankommt“.
Ich freue mich, meinen „Hoffnungsbaum“nun auch in meinem Autorenblog zugänglich machen zu können, um zugleich auch die Anthologie zu empfehlen.
Hoffnung bedeutet Zutrauen, Zuversicht, vielleicht aber auch ungewisse Erwartungen. Sie kann beflügeln, kann zerrinnen, kann sich erfüllen, vage sein, sich zerschlagen, sie motiviert und schützt. In Norddeutschland wird das Wort häufiger verwendet als anderswo. Hoffen die Norddeutschen mehr?
Diese 61 norddeutschen Autorinnen und Autoren geben Antworten auf die Frage, was Hoffnung bedeuten kann – und sie machen das überraschend, lustvoll, individuell, nachdenklich, voller Humor oder einfach mit unbezwingbarer Ehrlichkeit. Denn Hoffnung ist eine mächtige Kraft. Sie bewegt, sie beflügelt, lässt träumen …
Einen Beitrag möchte ich Ihnen gern empfehlen. Berührt hat mich nicht nur die Erzählung eines jungen Mannes, sondern mehr noch, dass seine Mutter sie uns in Kiel zu Gehör brachte.
Wenn es bei diesem Literaturwettbewerb einen XXL-Ersten-Preis gegeben hätte, Sascha Zurawczak würde ihn bekommen haben mit seiner Geschichte: „Ein Keim der Hoffnung“.
Die Anthologie können Sie per E-Mail bei mir, blazejewski(et)htp-tel.de — oder direkt beim Verlag zum Preis von 19,95 erwerben.

NordBuch e. V. (Hrsg.)
Ins Land der Hoffnung
Fundstücke: Prosa und Poesie
Anthologie
ISBN 978-3-96666-107-2
Klappenbroschur, 368 Seiten

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