Der See nahm ihn – warum der Topnik Paul holte

Letzte Aktualisierung am 23. Januar 2026 by Hans Blazejewski

Ein Hochzeitsfoto – und warum der Topnik den Bräutigam holte

Ein Hochzeitsfoto – und warum der Bräutigam sterben musste

Doch bevor ich zum Thema komme, will ich ein paar der Beteiligten dieser Hochzeit vorstellen. Es liegt Schnee auf dem Boden und auf dem mit Ried gedeckten Haus. Also wird die Hochzeit vermutlich im Winter 1956 oder Anfang 1957 in Rasząg (dem früheren Raschung) stattgefunden haben.
Das Hochzeitsdatum können wir ziemlich gut eingrenzen denn seine erste Tochter wurde am 14. August 1957 geboren. Da war Paul 40 Jahre alt und hatte noch 18 Jahre zu leben.

Die Brautleute, katholischen Glaubens, wie im Ermland üblich, waren Edith C. und Paul L., beide wohnten in Rasząg. Links neben der Braut steht Francisca L., geborene Z., aus Groß Purden – die Mutter des Bräutigams.

Zwei Reihen weiter rechts hinter Francisca erkennt man Helene C. aus Nowe Marcinkowo, das zu deutschen Zeiten Neu Mertinsdorf hieß. Neben ihr steht Frau S. aus Rasząg.
Euphrosine, die Mutter der Braut, eine Schwester der Monika C. aus Neu Mertinsdorf erlebte die Hochzeit ihrer Tochter nicht mehr – sie starb 1948 im Alter von 49 Jahren. Ihre Schwester, die Monika C., geborene R., müssen wir uns auf diesem Foto leider dazudenken: Sie wurde 1945 von den Russen in Neu Mertinsdorf erschossen.
Ganz rechts auf dem Bild sehen wir zwei Herren: Die Brüder Joseph C., der Vater der Braut, und Jan C., Vater von Helene C. aus Neu Mertinsdorf.

 

Der Topnik holte hier Paul L.

Der Topnik nahm ihn – Pauls rätselhafter Tod im See

Reden wir davon, wie er (Paul) auf der Rückfahrt, von einem angeblichen Saufgelage, im Raschunger See ertrunken ist.
Ist er reingefallen oder hat man ihm die Füße gehoben? Bloß so e bißche? Nur so aus Spaß? Vielleicht über den Bootsrand? Nur ganz kurz? Und Plop ins Wasser mit ihm? So wie man es mit jungen Katzen macht? Bloß hier ohne Sack und Steinen darin? Wüßten wir’s, würd es ihn auch nicht lebendig machen.

Ach nej, ach nej, was war das für e scheener Mann, der Paul, bevor ihn der See geholt hatte, erzählt man sich heute noch. Drei Wochen nach seinem Verschwinden fand man ihn unterhalb des Gutshauses am Seeufer. Da sah er gar nicht mehr gut aus.

Der Besuch aus dem Jenseits

Einmal ist er noch aufgetaucht. Wochen nach seiner Beerdigung. In einer dunklen und kalten Novembernacht betrat er die Schlafkammer seiner Tochter G. Er sagte ihr, daß sie sich nicht zu fürchten brauche und er nur gekommen sei um sich von ihr und seinem noch ungeborenen Enkelchen zu verabschieden. Seine Anwesenheit verbreitete eine solche Eiseskälte, daß es sogar dem gut geheizten Kachelofen fröstelte. Paul setzte sich zu G. auf die Bettkante. Er strich ihr übers Haar und hielt geraume Zeit ihre Hände, wie er es immer zu tun pflegte, wenn er zu seinen Lebzeiten seine Tochter zu Bett brachte.

So plötzlich wie er gekommen war, verließ er die Schlafkammer auch wieder. Drehte sich an der Tür kurz um, winkte G. zu, so wie er sich immer von seiner Familie verabschiedet hatte, wenn er aufs Feld ging, und ward nicht mehr gesehen.

Der Topnik – Mythos oder geschah hier ein Mord?

Oder hatte der Topnik* ihn gezogen? Einige sagen so. Sie haben das kleine rotmützenbehaftete Wesen im See gesehen. Haben auch gehört, wie es herzzerreißend gejammert, gelacht und immer wieder gerufen und geschrien hat. Hat es gerufen: „Ach! Ach! Ach! Es nahet die Stunde. Und kein Opfer nicht ist zu sehen.“

Paul hat es nicht gehört, weil die zum Opfer bestimmten Menschen sein Rufen nicht hören können. Auch wenn er es hätte hören können, es hätte ihm nichts genützt. Dem Topnik entkommt keiner. Meidet einer den See, so trinkt er sich wohl zu Tode oder fällt amend in eine Regenpfütze und steht nie mehr auf.

Darum musste Paul L. im 40. Lebensjahr sterben.


Topnich* – in Polen als Topnik bekannt.
Der Topnik ist eine uralte Sagengestalt: ein Wassergeist, der in Seen, Flüssen und Sümpfen haust. Er erscheint oft in der Gestalt eines kleinen Kindes mit nasser, schlammiger Kleidung und einer roten Mütze.
„Czas idzie i godzina, a człowieka nie ma“ – „Die Zeit kommt und die Stunde, doch kein Mensch ist da“, so ruft er.
Wer ihn hört, der sieht ihn nicht. Wer ihn hört, ist verloren. Der Topnik holt sich seine Opfer – leise, kalt und ohne Gnade.

Er zählt zu den bekanntesten dämonischen Figuren in Ermland und Masuren. Seine Ursprünge reichen zurück bis in heidnische Zeiten. Man glaubte, er sei der unheilvolle Geist eines Ertrunkenen, der seine Opfer unter Wasser zieht und tötet. In manchen Überlieferungen gilt er sogar als Inkarnation des Teufels.
Mehr dazu finden Sie in der Encyklopedia Warmia.mazuryhier in diesem Blog, den ich Ihnen sehr ans Herz lege.


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