Ermland-Blues: Ein Ziegenbock ohne Stallgeruch
Letzte Aktualisierung am 14. Juni 2024 by Hans Blazejewski

Ein Ziegenbock ohne Stallgeruch
Das weiter unten vorgestellte Gedicht hat den Aufhänger „Koza“, so wird mein ältester Ahne im Dietrichswalder Geburtensregister aus dem Jahre 1688 bezeichnet. Koza, das meint eine Ziege. Demnach bin ich wohl ein Ziegenbock. Das ist doch eindeutig, oder etwa nicht?
Das ist meine Lebensfrage: Wer bin ich? Woher komme ich? Oder besser: Wohin gehöre ich, der nicht in sogenannter Heimaterde verwurzelt ist. Der sich an Luftwurzeln festhält, damit er nicht umgeblasen wird.
Ich, das Ziegenjunge
Sohn der spitzbärtigen Koza
wieder und wiedergeboren
dem Ziegenbock gehorchend
dem Bischof gehörend
weiß nicht woher und wohin
Abgenabelt von der guten Mutter
vom Herrchen getauft
bin ich Pole
bin ich Ermländer
bin polnisch – bin preußisch
bin ermländischer Pole – bin ermländischer Preuße
Ich, Abkömmling der Koza
im Endstadium der Häutung
laufe herum mit verknotetem Gehörn
bin weder dies noch das
bin weder Hirt noch Herde
ich, ein Ziegenbock ohne Stallgeruch
Wie Sie im »Ermland-Blues« nachlesen können, haben sich die Ahnen meiner Romanfiguren im Ermland herumgetrieben. Sie sprachen polnisch, deutsch oder einen Dialekt. Eine lange Ahnenreihe mit vielen Knoten und Abzweigungen, von den Pruzzen bis zur Jetztzeit und mittenmang masowischer Landadel, z.B. derer von Oppenkowski auf Sauerbaum.
Sie sind mir unbekannt in dem Sinne, dass ich ihnen nie von Person zu Person begegnet bin. Trotzdem fühle ich ein unsichtbares Band, das uns verbindet. Ich empfinde Sympathie für sie, und wenn ich in einem Kirchenbuch lese, daß der Peter Roman mit seiner Barbara 12 Kinder gezeugt hatte, dann sehe ich die Kinderschar vor meinen Augen.
Elf Mädchen müssen unter die Haube
Elf Mädchen. Oh mój Boże ! Der Ruin für seinen Hof, denn alle sollten auch „unter die Haube“. Er hatte die Mitgift zu liefern und traditionsgemäß die Hochzeitsfeiern auszurichten. Darum auch die im Roman erwähnte Doppelhochzeit zweier Schwestern, die zwei Brüder aus dem Nachbardorf nahmen. War e Endche preiswerter für den Brautvater.
Oder noch weiter zurück ins 18. Jahrhundert, da gab es den Bartolomeus R. mit sechszehn Kindern, gezeugt zwischen 1733 und 1758. Jacobus, der Jüngste, geboren in 1758, da zählte der Bartel schon 52 Lenze. Gestorben ist der Potenzriese im damals biblischen Alter von 70 Jahren. Drei Frauen hat er »unter die Erde gebracht«.
Es berührt mich, wenn ich lese, daß da einer aus seiner Sippschaft im Totenbuch der katholischen Kirche zu Ramsau als Ortsarmer bezeichnet wurde. Da möcht ich mir gleich einen Zylinderhut aufsetzen, ihn dreimal drehen und schwupp, ab in die Vergangenheit. Mitten mang de Ahnen. Im Gepäck für meinen Ortsarmen alle materiellen Wohltaten, die ich beschaffen kann.
Nachdem ich in den letzten Jahren über meine ermländischen Wurzeln gestolpert bin, hab ich ein Problem. Ich weiß nicht mehr so recht, wohin ich gehöre. Mein Verstand meint, ich habe einen deutschen Pass, also bin ich ein Deutscher. Mein Herz sagt, meine Vorfahren stammen aus dem Ermland, also bin ich Ermländer.
Was bin ich? Ein Ziegenbock ohne Stallgeruch?
Ermland-Blues – eine Leseprobe
Man hat nie herausfinden können, wer diese Zeilen erdacht und geschrieben hatte. Die Kinder waren es nicht, die konnten so nicht schreiben.
Menschen mit dem Namen Koza* gab es unseres Wissens dort auch nicht.
Ja, in Rentinen und in Woritten, kurz hinter Dietrichswalde, da hatten sie Koza. Aber die gingen in Woritten in die Schule. Die hatten dort ihre eigene Schultafel. Sogar eine kleine polnische Schule hatten sie. Wie dem auch sei, das Geheimnis wurde nie gelüftet.
Später, da hatten die Braunmenschen den Gebrauch der polnischen Sprache verboten. War aber keine Erfindung der Nazis, denn wie wir schon (an anderer Stelle) berichtet haben, hatten schon die Deutschordensherren den Gebrauch einer ihnen mißliebigen Sprache untersagt.
Die neuen Herren, die mit den „wiedergewonnenen Gebieten“, setzten nach 1945 noch eins drauf und verboten gar, die deutsche Sprache auch innerhalb der eigenen Familie, ja innerhalb der eigenen Wohnung zu sprechen, so hörte ich. Angeblich sollen sogar eifrige „Wiedergewinnler“ an den Fenster gelauscht haben. Man mag es gar nicht glauben.
*Polnisch: Koza=Ziege oder Ziegenbock
Zitiert aus: Ermland-Blues – von Hurenkindern, einem katholischen Priester, einer Kräuterhexe und einer erträumten Heimat. Hier zu haben
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