Eine ermländische Hochzeit: Wie sie beinahe nicht stattfand

Letzte Aktualisierung am 30. Mai 2024 by Hans Blazejewski

Eine Ermländische Hochzeit
Foto: © 2024 – Hans Blazejewski

Eine Ermländische Hochzeit und wie sie beinahe nicht stattgefunden hätte

Was so alles passieren kann. Zum Beispiel wollten vor Jahrzehnten in Alt-Vierzighuben (Alt-40huben) zwei ermländische Leutchen heiraten.
Also traf man Vorbereitungen für eine gute, standesgemäße Hochzeit mit anschließender Feier, der sogenannten Begebenheit. Hühner ließen ihr Leben. Ein Schwein abgestochen und zu Wurstsuppe und anderen schmackhaften Sachen bereitet. Ein fetter junger Hammel, gemordet und zerlegt. Fische und Aale geräuchert, ein Teil davon sauer eingelegt. Krebse gefangen. Brote und Kuchen gebacken, daß gleich das ganze Örtchen riechen konnte, bald gebe es etwas zu feiern.
Ich überlasse es meinen Lesern, der Speisetafel weitere leckere Gerichte hinzuzufügen, etwa aus dem handschriftlichen Rezeptbuch einer Urgroßmutter.
Bier wurde gebraut. Für die Manns der Kornus aus dem Felsenkeller geholt und für die Weiberleut verschiedene mit Likör gefüllte Flaschen. Ach ja, die Musik war auch bestellt. Die Gäste durch die Bittersche eingeladen.

Der Hochzeitstag. Auf zum Standesamt und anschließend zur Kirche.
DER Höhepunkt im Leben der Brautleute. DER Tag, von dem man lange Tagträumen kann. DER Tag, von dem man später seinen vielen Enkelkindern zu erzählen haben wird.
Sie, gekleidet in einem weißen Kleid, auf dem Haar ein Myrtenkranz, dazu ein Gedicht von einem Schultertuch. Er im feierlichen Frack mit Mörderkragen-Chemisette und großer silberfarbener Fliege. Auf dem Kopf ein neuer Zylinder.

In der hintersten Kutsche, die Brautleute und Trauzeugen. Davor die Brauteltern und die ganze lustige und fidele Gästeschar. Mit Gesang und Gelächter hält man vor dem Standesamt. Der Standesbeamte tritt vor die Tür, schaut erstaunt und fragt, was sie wohl hierher getrieben habe. Karneval sei doch noch nicht und auf seiner Liste wäre auch keine Trauung verzeichnet.
Ach du Liebes mein Gottchen. Mit eins viel es den Eltern der Braut, die die Hochzeit ausrichteten ein, das Aufgebot war nicht bestellt worden. Lange Gesichter in den ersten Kutschen, Gelächter und Hallo in den nachfolgenden.

Die Hochzeit muss verschoben werden

An diesem Tag fand keine Trauung nicht statt, denn so stand es geschrieben: Ein jeglicher gebe dem Staat, was der Staat von ihm begehre.
Und in unserer hier besprochenen Geschichte begehrte der Staat, vertreten durch seine Bürokratie, ein jedwedes Paar müsse vier Wochen vor der Hochzeit beim Standesamt der zuständigen Gemeinde sich »aufbieten« lassen, auf daß allen Personen Gelegenheit gegeben sei, im berechtigten Falle Einspruch wider die zu vollziehende Trauung einlegen zu können.
Und weil an diesem Tag die Staatliche ausfiel, so konnten die Brautleute auch nicht gut katholisch, also gut ermländisch, heiraten, die Leutchen aus 40-huben.

Ich kann berichten, der gesamte Hochzeitszug fuhr trotzdem zur Kirche, um mit dem Pfarrer eine wunderschöne Messe zu feiern, mit »Lobet den Herrn« und solchen Liedern.
Da nun alles für eine Begebenheit vorbereitet worden war, so fand diese auch statt. Und was für eine. Eine von der die später ordentlich getrauten Eheleute gern und lange zu erzählen wußten. Insbesondere ihren dreizehn Kindern, dem berühmten »ermländischen Dutzend«, oder Jahrzehnte nach der Hochzeit, der riesigen Enkelschar.

Ich vermute, nicht vielen ermländischen Ehepaaren wird es vergönnt gewesen sein, auf ihrem Altenteilersitz an zwei Begebenheit, zu ein und demselben Anlaß, zurückdenken zu können.

So ähnlich stand es in der »Ermländischen Zeitung« vom November 1927 und darum ist es wahr.
Aber wahr ist es auch, daß die Zeitungsmeldung einen viel kürzeren Text hatte, als diese meine Geschichte.


Lesen Sie eine weitere Geschichte aus dem ermländischen Dorfleben:
Holzauktion in Gross Bartelsdorf und das Gesangbuch des Teufels

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