Führen Romanfiguren ein Eigenleben: Was meinen Sie?

Letzte Aktualisierung am 14. Juni 2024 by Hans Blazejewski

Romanfiguren, führen sie ein Eigenleben, nachdem sie erdacht worden sind?

Romanfiguren und ihre Eigenleben

Während der Arbeiten an meinem Roman hatte ich in ein Ritual eingeführt. Sobald einige Seiten geschrieben waren, wurden diese meiner Familie vorgelesen. Geduldig haben Sie es ertragen und nie protestiert. Als ich eines Abends davon sprach, daß ich überlege, den Johann (unehelicher Sohn von Catharina) sterben zu lassen, gab es Protest: Kannste nich machen. Der gehört doch zu deiner Geschichte. Solche Einwände eben.
Die Frage, die mich seither umtreibt: Hat der Autor Macht über seine Romanfiguren, seine Geschöpfe, nach dem er sie in sein schriftstellerisches Werk eingeführt hat? Oder ist es eher so, daß die Figuren ihr Eigenleben führen und in gewisser Weise nach ihren eigenen Vorstellungen agieren?

Zum Beispiel der Pfarrer Tadeusz Masoweczki. Angelegt ist er als eine Gotteskrieger, eine unsympathische Gestalt, die ich gar nicht leiden konnte. Im Fortgang der Geschichte kann man lesen, daß er sich zu einer liebenswürdigen Person mausert. Ich schrieb:

Aber dieser hier, das ist einer, der gern und viel lacht. Einer, dem man, falls erforderlich, ohne nachzudenken einen lebenslänglichen Vertrauensvorschuß auf den Altar legen könnte.

Nun kann man so einen Roman lesen und vergessen, denn die Personen haben für unser Leben kaum Relevanz. Die meisten von Ihnen werden das so tun. Ich bin sicher, sie werden nicht die krausen Gedanken haben, die mir im Kopf herumgehen, siehe oben.
Aber für mich sind meine Romanfiguren lebende Geschöpfe einer anderen Wirklichkeit, deren Leid mir zu herzen geht oder deren Freude auch mich fröhlich macht, an deren Schicksalen ich lebhaft Anteil nehme. Catharina, die Babka, Tadeusz und die weiteren Figuren, sie »existieren«.

Weil ich so empfinde, deswegen bleibt das große Fragezeichen hinter mir an der Wand, nämlich:
Wer manipuliert wen, nach dem der Autor seinen Geschöpfen den aufrechten Gang gelehrt hat?

Wissen sie eine Antwort darauf? Schreiben Sie mir einen Kommentar.

Haben Sie schon über „Meine Ahnenlandschaft„,gelesen? Dort war ich Besuch machen.
Dort hab ich mir meine Catharina, ihren Tadeusz und die alte Babka erträumt. Sie leben. Sie haben keine Körper, wie Sie und ich, denn sie sind „nur“ Gedankengeschöpfe, die aus meinen Träumen herausgetreten sind. Geschöpfe einer anderen Wirklichkeit. Sie merken schon, der Ermland-Blues geht mir unter die Haut.

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