Im Zwischenstadium – Die Lesbarkeit eines Gesichts

Letzte Aktualisierung am 31. Mai 2026 by Hans Blazejewski

Julia Margaret Cameron: Christabel, 1866. Metropolitan Museum of Art, Public Domain.

Julia Margaret Cameron: Christabel, 1866. Metropolitan Museum of Art, Public Domain.

 

Was sehen Sie?
Ich sehe eine Frau, nennen wir sie Sappho, die zugesehen hat, wie ihr zweites Ich sich einer anderen Person zuwandte; wie die andere, die sie liebt, ihre Weiblichkeit als Waffe einsetzte, um einen neuen Liebhaber zu umgarnen.

Die Frau auf diesem Foto trägt eine Last, die wir heute Liebestod nennen. Eine schöne, junge Frau. Leere Augen. Erschöpft. Ausgeweint. In ihrem Gesicht sehe ich Trauer, Sehnsucht, Hoffnungslosigkeit. Sie wird sich fragen: „Warum? Was habe ich falsch gemacht? War ich ihr nicht genug?“

Sie lebt in einem Zwischenstadium: Sie hat den Liebesverrat erlebt und weiß nicht, wie sie sich verhalten soll. Sie befürchtet einen Bruch. Ihr Gesicht gleicht einer Maske, hinter der sie ihre Gefühle verbirgt. Noch hat sie ihre Last nicht in Akzeptanz verwandelt. Wenn die Trennung endgültig ist, wird sie nicht umhinkönnen zu erkennen, dass das Verharren im Gestern sie zerstören wird.
Später wird sie Anklage-Monologe führen, Verse schreiben und leise sprechen, so leise, dass man kaum hört, dieses: „– alles aber kann man ertragen …“

Der Ausweg, der ihr bleibt und der sie größer werden lässt, als sie es je war: Hingabe statt Anspruch. Das macht sie frei von dem, was war – und von dem, was kommen könnte. Eine Hingabe, die aus Freiheit entsteht.

Für mich ist das der höchste Grad menschlicher Nähe: zwei Menschen, die sich in ihren Eigenheiten wahrnehmen – ohne Projektion, ohne Zweck, ohne Bedürfnis. Lesen Sie mein Poem dazu; eine Nähe, in der beide sagen können:

Gestern war ich – heute bin ich.

Meine Liebe ist sprachlos.
Sie bedarf keiner Worte.

Meine Liebe ist zeitlos.
Immer neu, überdauert sie die Gegenwart.

Meine Liebe überwindet ihren Tod.
Sie ist nicht abhängig von einer Resonanz.

Meine Liebe kennt weder Zeit noch Raum.
Sie vergeht nicht im Feuer des Augenblicks.

Meine Liebe kennt keine Zwischentöne.
Absolut im Geben bedarf sie keiner Anerkennung.

Meine Liebe ist unteilbar,
wieder und wieder aus unser beider Atem geboren.

Meine Liebe ist, wie sie ist.
Denke ich an sie, so bin ich eins mit dir und mir.


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