Mein liebes Entlein

Letzte Aktualisierung am 5. September 2026 by Hans Blazejewski

Mein Liebes, liebes Entlein

 

😓Tut mir leid, mein liebes liebes Entlein kann ich euch nicht zeigen. Untergangen – einfach so.😓 

Foto:  Laura Berdasco - CC BY 2.0 - via Wikimedia Commons

✨✨✨

Ein stilles, liebevolles Stück Kinderliteratur,

das sowohl kleine Zuhörer als auch erwachsene Leser erreicht – aber eindeutig aus der Welt der Kinder heraus erzählt ist. Eine Geschichte die ihre Kinder/Enkel mögen werden.


Es war einmal ein Kind. Das war klein. Das war ziemlich klein sogar. Aber es war schon ausgestattet mit allen Zutaten, um ein Mensch zu sein. Wenn auch noch ein kleiner Mensch. Ein ziemlich kleiner Mensch sogar. Mit einem Strich, Strich, Komma, Strich Mondgesicht. 
Das Strich Strich Komma Strich Mondgesicht besaß eine Ente. Sie war aus Stoff und innen mit Holzwolle gefüllt. Ein Entlein, das immer klein bleiben musste. Weißt du, Enten aus Stoff und innen mit Holzwolle oder Stroh gefüllt, die wachsen nicht. Sie sind doch innen aus Holzwolle und außen aus Stoff gemacht.

Manchmal drückte das Strich Strich Komma Strich Mondgesicht sein Entlein fest an sich. Und das Entlein sagte dann etwas, das wie quak klang. Dann drückte das Strich Strich Komma Strich Mondgesicht das Entlein zwei Mal hintereinander an sich. Mit aller Kraft. Und das Entlein sagte etwas, das wie quak, quak klang. Da lachte das Mondgesichtkind vor lauter Freude und nahm sein Entlein zum Kuscheln mit in sein Bettchen. Dem Entlein hat es von seinen Abenteuern im Sandkasten erzählt und dass jetzt ein kleines Kätzchen in seiner Sandburg wohnen würde. Aber das Entlein hat es nicht mehr gehört. So müde war es.

Eines Tages nahm das kleine Mondgesicht sein Entlein unter den Arm und ging zum nahen Schlossteich. Überall Wasserrosen. Der Kalmus hat geduftet, das Schilfrohr hat sich was erzählt. Karpfen schwammen von hier nach dort und von dort nach hier. Vögel haben gesungen. Da ist es passiert. Auf der hölzernen Schlossteichbrücke ist ihm das Entlein entschlüpft und ins Wasser gesprungen. Entschlüpft. Einfach so gesprungen. Plopp.
Das Entlein aber, das konnte nicht schwimmen. Ja, das kommt vor, dass Stoffenten mit Holzwolle im Bauch nicht schwimmen können, und wenn, dann nur ganz, ganz kurz. Dann geht so ein Entlein unter und ertrinkt.

Das Strich Strich Komma Strich Mondgesicht hat seinen Mund aufgemacht und geschrien und geweint. Ganz laut. Ganz laut hat es geweint, wie nie zuvor. Ist mit traurigem Herzen nach Hause gegangen und hat mit ganz leiser Stimme immer wieder »mein liebes Entlein« geschluchzt, »mein liebes, liebes Entlein«.

Zu Weihnachten lag ein neues Entlein unter dem Tannenbaum. Aber es war nicht sein Entlein. Es war auch ein Entlein, aber nicht sein Entlein. So oft das Strich Strich Komma Strich Mondgesicht auch das neue Entlein an sich drückte, nie hat es quak gesagt. Niemals hat das neue Entlein quak oder quak, quak gerufen. Konnte es auch nicht, denn der Enten-quak-quak-Drückknopf fehlte ihm.

Später, viel, viel später ist aus dem Mondgesichtkind ein Mondgesichtmann geworden. Groß und stark. Wie ein Mannbär, aber mit grauen Barthaaren. Der Mondgesichtmann trug jetzt einen richtigen Hut auf seinem Kopf, auf dem er keine Haare mehr hatte. Und wenn er sich zu später Stunde in sein Gutenachtbett legte, dachte er manchmal an sein Entlein, das er so liebgehabt hatte. Das nicht schwimmen konnte. Das quak, quak rufen konnte. Das außen aus Stoff gemacht und innen aus Holzwolle.
Dann seufzte der Mondgesichtmann und flüsterte:
»Mein liebes, liebes Entlein.« Sind wohl auch einige Tränen auf sein Kopfkissen gefallen.

Diese und andere Geschichten wie:
„Adonis, Aphrodite, Persephone – ein antiker Schmachtfetzen“
finden Sie in meinem Buch:

Zeitbrücke – Geschichten zwischen Damals und Heute
ISBN: 9783758373909 Paperback – 230 Seiten

 

Eine Leserin schrieb:
Schon die Leseprobe hat mich zu Tränen gerührt. Ich bin in genau der im Buch beschriebenen Region geboren und kann die zu Papier gebrachten Gefühle bestätigen. Wie schon im Buch Ermland-Blues hat der Autor ein hervorragendes Werk hervorgebracht. Aus beiden Büchern werden ich in gemütlicher Runde vorlesen und garantiere Gänsehaut bei den Zuhörern und das nicht nur bei den von dort verwurzelt.

 

 

 

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