Wer war Fritz

Wer war Fritz?

 

Eine Geschichte über einen Mann namens Fritz, der auftaucht wie ein Gespenst aus der Vergangenheit — ein Gespenst aus Gewalt, Macht und moralischer Fäulnis — und die Frage „Wer war Fritz?“ wird zur Frage: Wie lebt das Böse weiter, wenn der Krieg vorbei ist?

Fritz taucht aus dem Nichts auf

Eines Tages taucht er bei uns auf. Aus dem sogenannten Nichts. Ein Hüne. Braun gebrannt. Blond, blaue Augen, die seine Gegenüber herausfordernd ansehen konnten. Lautloser, geschmeidiger Gang.
Ich fand, er hatte einen unruhigen Blick als würde er fürchten, Jemand lege ihm gleich eine Hand auf die Schulter.
Fritz tauchte eines Tages einfach auf, doch selbst als Kind sah ich, wie er nie ganz ankam: immer leicht geduckt, immer mit einem Blick, der suchte, ob ihm jemand folgte.
Er wirkte, als lebte er in einem Zwischenraum, in dem die Vergangenheit dicht hinter ihm stand und die Gegenwart nur ein schmaler Vorsprung war.

Mutter sagte, er sei ein verschollen geglaubter Freund ihrer Königsberger Freundin. Aber bei Mutter wusste man nie, woran man war, ob sie sich nicht wieder etwas ausgedacht hatte, etwas, das meilenweit entfernt von der Realität war.

Fritz machte sich breit in unserem Wohnzimmer

und kam sofort zur Sache. Zu seiner Sache. Er verkaufte uns eine sogenannte Zentrifuge, eine Wäscheschleuder, obwohl wir unsere Wäsche immer außer Haus waschen ließen. Dann, man glaubt es kaum, nahm er ein Ölbild, das Mutter heilig war, von der Wand. Wegen der nachgemachten Perserteppiche ging er damit auf den Balkon. Suchte und fand einen Eimer. Füllte den mit Wasser und rief: „Christelkind, pass auf!“ Dann schüttete er das Wasser mit Schwung und Spritzern über das Bild. Dabei griente er frech, wie Oskar.

Den Augenblick werde ich nicht vergessen. Mutter stand da mit offenem Mund, unfähig zu reagieren, sieht man davon ab, dass sie am ganzen Körper zitterte und ihre Blässe noch durchscheinender war als sonst. Fritz nahm seinen mitgebrachten Staubsauger und saugte in unglaublich kurzer Zeit den Balkon und das Bild trocken. Griente wieder frech, fläzte sich in einen unserer Sessel, nachdem er das Bild wieder an seinen Platz gehängt hatte.
Dann: „Was denkst, Christelchen? Nächste Woche fährt dein neuer Staubsauger fast von selbst durch deine Wohnung. Musst ihm nur bisschen was rumkajolen.“ Und so ist es auch gekommen, nur dass ich fortan unseren neuen Sauger durch die Wohnung schieben durfte und Mutter Staubsauger und Schleuder abzustottern hatte.

Fritz in einem hitzigen Streit

Eines Tages, als ich von der Schule nach Hause kam, fand ich Fritz in einem hitzigen Streit mit Herrn Müller, unserem Nachbarn. Die Stimmen waren laut, und ich konnte die Spannung in der Luft spüren. Unser Nachbar warf Fritz vor, seiner 12‑jährigen Tochter Elfi nachzustellen. Elfi hatte ihrem Vater erzählt, Fritz hätte sie im Keller versucht zu küssen und hätte ihr dabei unter den Rock gefasst.

„Verschwinde, du pädophiles Schwein!“, schrie Müller, „und lass dich nicht mehr hier sehen, sonst …“
„Sonst? Du drohst mir nicht. Mit Leuten wie dir haben wir im Krieg kurzen Prozess gemacht.“ Dabei stieß er mit einem Finger der rechten Hand Müller vor die Brust und flüsterte leise, dabei den Finger krümmend: „An die Wand und BUMM.“

Er lächelt maliziös, und ich hörte, wie Fritz sagte: „Manchmal, nur so zum Spaß, haben wir sie aufgeknüpft und baumeln lassen. An einem schönen, kräftigen Ast, wie am Nussbaum, der vor unserem Hauseingang steht.“ Er sagte „unser Hauseingang“ (das klang so, als sei er der Besitzer dieses Vier‑Familien‑Hauses).
„Ach, so einer bist du also“, flüsterte Müller. Dann drehte er sich um und verschwand hinter seiner Wohnungstür. Wollen wir uns unseren Teil denken und nicht weiter zuhören.

Ich habe Fritz erlebt,

aber wer war er wirklich? Ich weiß es bis heute nicht, und Mutter war schweigsam wie die Gräfin von Hongkong. Nur dies sagte sie einmal beiläufig: dass er Monate später nach dem Zusammenbruch ’45 in Hamburg auf der Reeperbahn gesehen worden sei, in Begleitung zweier langbeiniger, wenig bekleideter, kaffeebrauner Damen. Die soll er, so sagte man, aus Brasilien mitgebracht haben.
Bei den „Weisst du noch damals?“-Familientreffen sprachen sie von roten Laternen, mit denen Fritz angeblich gehandelt habe. Dabei kicherten sie hinter vorgehaltener Hand.

Wochen nach diesem Vorfall im Keller – Fritz war längst auf und davon – fiel mir ein, dass es auch in unserer Familie ein schwarzes Schaf gab. Wolf‑Heinrich, ein Bruder meines Vaters, war bei der SS. Genauer: bei der berüchtigten Leibstandarte Adolf Hitler (LSSAH), dokumentiert im katholischen Kirchenbuch, mit dem Vermerk: Austritt aus der Kirche: 18.4.1940 vor dem AG.
Erst Parademärsche und Fackeln zu „Führers Geburtstag“, dann Schlamm, Kälte, „Fernwachen“, Rückzüge. Seine Einheit war an Verbrechen beteiligt, über die man bei uns nur flüsterte. Nach dem Krieg soll er in dunkle Geschäfte geraten sein, aber das blieb Gerede hinter vorgehaltener Hand. Er soll sich sogr an einem Pädophilenring beteiligt haben.

„Wolf-Heinrich? – Den wird noch mal der Deiwel holen“,

hatten sie schon damals geraunt; damals, in diesem kleinen Wallfahrtsort hinter Allenstein. Acht Kinder. Vier Bowkes und vier Marjellen lebten mit ihren Eltern in einem Steinhaus, einer besseren Klabache, auf einem kleinen Hof, der kaum das Nötigste zum Leben erwirtschaftete. Die Kinder, alle katholisch. Gutkatholisch sogar. Gutkatholisch, wie es im Ermland schon seit undenklichen Zeiten so gehalten wurde. Jeden Sonntag Kirchgang. Abendandachten, Maiandachten, Rosenkranzandachten und so was. Ohrenbeichten und später dann auch katholischer Unterricht durch das Herrchen, den Herrn Pfarrer. Der Kommunion- und Konfirmationsunterricht. All das erdacht, damit die gläubigen Schafe nicht über den Zaun sprangen.
Sie müssen sich gekannt haben, Wolf‑Heinrich und Fritz. Jedenfalls, so schien es mir, waren beide aus demselben Holz geschnitzt. Mutter ist längst totgestorben. Fritz, Wolf‑Heinrich und die langbeinigen angeblichen Brasilianerinnen werden wohl auch schon tot sein.

Wer war Fritz? Fast scheint es mir, er hat gar nicht gelebt. Wenn da nicht im Keller unseres Hauses eine alte Wäscheschleuder stehen würde, die aussieht, als wäre sie nie benutzt worden.


Lesen Sie hier, wie ich wahrscheinlich entstanden bin, damals.

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